Historie des Tanzes

„ Tanz enthält alles, was zu einer schönen Sprache notwendig ist“

Dieses Zitat eines bekannten Tanzmeisters des 18. Jahrhunderts ( Jean Georges Noverre, 1727 Briefe über die Tanzkunst und über Ballette ) drückt nicht nur das rein Tanztechnische, wie Schrittfolge, Rhythmus und Ausdruck der Tänze aus, sondern auch eine Lebensphilosophie der damaligen Gesellschaft an den Höfen Europas.

Man widmete sich der Konversation und Tanzsprache voller Hingabe. Prunkvolle Feste ohne Tanz waren undenkbar und jeder, der am Hof verkehrte war selbstverständlich auch der Tänze seiner Zeit mächtig. Hierbei wechselte die Beliebtheit der Tänze wie die Kleidung in der Mode.

Während das einfache Volk ausgelassen und temperamentvoll tanzte und somit der Lebensfreude im doch sehr anstrengenden Alltag kurzfristig Ausdruck verlieh, tanzte der Adel vornehm, erhaben, zurückhaltend, um der eigenen Würde und Repräsentanz gerecht zu werden.

„Man“ präsentierte sich durch prachtvolle Garderobe, prunkvollen Schmuck und junge elegante Frauen an seiner Seite und demonstrierte so den gesellschaftlichen Status.

Anfänglich glichen die Tänze einer Art Prozession und politischen Inszinierung, um sowohl den hochgestellten Gastgeber zu ehren, wie auch potentiellen Heiratsanwärtern und Geschäftspartnern gerecht zu werden.

Empfänge und Bälle dienten der Pflege sozialer und diplomatischer Kontakte in einer Gesellschaft, die zu diesem Zeitpunkt nicht mobil war.

Später demonstrierte man „Kunst“ . Die Tänze wurden immer komplizierter, mussten bereits von Tanzmeistern einstudiert werden und zeigten wie elegant, geschickt und kunstvoll der Tanzende war. Hierbei wurden oft ehemals Tänze des Volkes für den Hof adaptiert.

Durch die Jahrhunderte hinweg versuchte der Klerus stets mit unterschiedlichen Motiven den Tanz zu unterbinden, jedoch mit sehr mäßigem Erfolg.

Stets fanden sich für alle Schichten Möglichkeiten die strengen kirchlichen Regeln zu umgehen.


Frühzeit

Zunächst dürfte der Tanz eher als Ausdruck eines Rituals bzw. religiösen Stilmittels zu verstehen sein, um einerseits die Götter oder Naturgewalten zu besänftigen, Könige oder Stammesführer zu ehren, durch ekstatischen Tanz Tote auf ihrer Reise ins Jenseits zu begleiten oder sich auf einschneidende Ereignisse ( Kriege, Überfälle, Seuchen etc. ) einzustimmen.

Kelten

Hier ist eine Art Kettentanz überliefert, wie er auch heute noch bei den nordischen Völkern in einigen Volkstänzen zu beobachten ist.

Eine Art Prozession, bei der sich Sprachgesang und Musik abwechseln und die Tänzer in einer sich windenden Kette vorwärts bewegen.

Hierbei können Fackeln, Gefäße oder Feuerschalen vorangetragen werden.

Ursprünglich wohl aus der nordischen Mythologie entliehen ( s. Ormurin langi = Die lange Schlange oder Midgardschlange ) stellt der Tanz bei den Wikingern wohl den Mythos um Thor und die weltumspannende Midgardschlange dar.

Da aus dieser Zeit nur mündliche Überlieferungen oder Abbildungen existieren und auch nur sehr wenige Musikinstrumente gefunden wurden, kann man nur mutmaßen ob und was getanzt wurde.


Mittelalter

Im frühen Mittelalter dürften die Tänze zunächst als eine Art Aufzug gestaltet worden sein; die Tänzer nach Rang angeordnet und mit Fackeln, Stablichtern und dergleichen ausgerüstet.

Schnelle Bewegungen dürften schon angesichts der Kleidung und der Überlieferung, dass Ritter in voller Rüstung getanzt haben sollen, unmöglich gewesen sein.

MittelalterWeiterhin wurden Tänze zu Dritt ( 1 Mann, 2 Frauen ) überliefert.

Hierbei ging es aber wohl weniger um die männliche Dominanz, als vielmehr die mit Sünde beladene Zahl „zwei“ durch die heilige Zahl „drei“ zu ersetzen.

Möglicherweise waren aber auch rein praktische Beweggründe ausschlaggebend, da die männliche Bevölkerung durch bewaffnete Auseinandersetzungen ständig dezimiert wurde.

Aufzug, Reigen und frühe Branlen sind dieser Zeit zuzuordnen. Schwerpunkt der Tanzkultur lag in Frankreich.

Auch aus dieser Zeit existieren keine schriftlichen Aufzeichnungen und das Wissen um die Tänze dieser Zeit stammt aus mündlichen Überlieferungen und Abbildungen.


Renaissance

Zu unterteilen in Frührenaissance ( ca .1450 – 1500) und Hochrenaissance ( ca.1500-1620 ).

Renaissance ( frz. Wiedergeburt, Wiederbelebung ) ist die Zeit eines veränderten Weltbilds.

Kritisches, neuzeitliches und individuelles Denken nimmt Gestalt an. Man wendet sich erstmals ab vom Jenseits und wendet sich dem Diesseits zu.

Humanismus ist die neue geistige Strömung. Lebenslust und Prachtentfaltung erheben sich neu.

RenaissanceDer Schwerpunkt der Mode und des höfischen Tanzes verlagert sich von Frankreich zunächst nach Italien und Burgund ( Frührenaissance ), später nach Spanien und England

( Hochrenaissance ).

Die Tänze werden zunehmend schwieriger, was den Einsatz von Tanzmeistern erfordert, die komplizierte Choreographien erarbeiten und prachtvolle Feste arrangieren.

Erstmals werden Tanzaufzeichnungen schriftlich festgehalten ( Thoinot Arbeau, Paolo Negri, John Playford ).

Noch immer richtet sich die Musik nach der Tanzchoreographie nicht wie in späteren Jahr-hunderten umgekehrt die Tänzer nach der Musik.

Branlen, Basse dance, Saltarello und Piva sind die frühen Tänze zu denen sich später Pavane, Allemande, Volta und frühe Kontratänze ( country dances ) gesellen.


Barock

Überschattet durch Glaubensspaltung und damit verbundene Folgen wie Inquisition, Hexenverbrennungen, Hugenottenverfolgungen, Glaubens- und Territorialkriege, bildet sich in den nächsten 150 Jahren ( ca 1620-1750 ) dennoch gleichzeitig auch ein tieferes Verständnis für Kunst aus.

Die Zeit des Barock wird im Tanz geprägt durch immer kunstvollere und ausgereifte Tanzchoreographien, die schließlich in der Trennung von professionellem und Gesellschaftstanz münden.

BarockDie Frage nach dem Zusammenhang zwischen Tanz, Lebensfreude und Historie ist nicht immer leicht zu beantworten. Im Barock waren viele Gegensätze zu erkennen.

Einerseits schwierigste politische Verhältnisse, die nach langem Ringen zu dem führten, was heutzutage als „Aufklärung“ bekannt ist, andererseits der eigene Hang zum Bizarren, Monumentalen, der zu einer gewissen Theatralik in der Kunst führte.

Große, leidenschaftliche Erfindungen in der Musik wie Opern, Oratorien, Fugen, Arien etc. und gleichzeitig ein auf Frankreich und dessen tanzbegeisterten König ( Ludwig IVX ) ausgerichtete Tanzkultur, führten schließlich zur Trennung von Gesellschafts- und professionellem Tanz ( Ballett ).

Erstmals richten sich die Tanzchoreographien nach der komponierten Musik.

Tänze dieser Zeit waren anfangs vorwiegend unzählige Suiten und Galanterien ( unterteilt in Bouree, Canarie,Chaconne, Folia, Passacaglia, Passepied, um nur einige zu nennen ),

später Courante, Sarabande, Gavotte, Gigue, erweiterte Allemanden, Kontratänze ( country dances ) und Anfänge des Menuetts.


Rokoko

Den späteren Teil des Barock im ausklingenden 18.Jhd. ( ca.1730-1780 ) bezeichnet man als Rokoko.

Die frühere Kraft und Leidenschaftlichkeit der Hochbarockzeit wird ersetzt durch eine wenig vitale Neigung zur Dekadenz und Frivolität.

RokokoDie Aristokratie wird immer distinguierter und erstarrter, gleichzeitig steigt der Drang nach immer Ausgefallerenem, Verspielterem, ohne die Vorzeichen starker politischer Umstrukturierungen der Zeit zu erkennen.

Als Tanz stieg das Menuett als Ausdruck dieser Lebensphilosophie auf seinen Höhepunkt.

Filigran und schwierig, verlangte der Tanz nach vollendeter Körperbeherrschung und jahrelangem Training und war durch und durch Tanz der Aristokratie.

Die Künstlichkeit und Kompliziertheit der Tanzentwürfe war in dieser Zeit kaum mehr zu übertreffen.


Empire

Im ausgehenden 18.Jhd. wurde die Rokoko Zeit mit ihrer realitätsfremden und übertrieben dekadenten Lebensweise jäh beendet durch den Ausbruch der französischen Revolution und deren Auswirkungen.

Die politischen Umwälzungen führten zu gesellschaftlichen Umstrukturierungen.

Durch das Machtstreben der neu entstandenen Nationalstaaten wurde aber gleichzeitig notwendigerweise ein Militarismus heraufbeschworen, der auch das zivile Leben und die Wertvorstellungen der Bürger zunehmend bestimmte.

EmpireAuf die Frivolität des 18.Jhd. folgte nun Tugendhaftigkeit. Zunächst die napoleonische Ära, dann deren Ablösung mit Zeitgenossen wie Königin Luise, Queen Victoria, Zar Alexander I, führte die Zeit des Empire ein.

Betonte Schlichtheit, Besinnung auf die Antike und deren Ideale, Romantik in Kunst, Schriftstellertum ( Jane Austen ) und Mode waren maßgebend.

Die Tänze waren nicht mehr verspielt, raffiniert und künstlich, vielmehr ausgelassen, wild und rauschhaft.

Gleichzeitig tanzte nicht mehr nur die Aristokratie, sondern auch das aufstrebende Bürgertum.

Die Tanzkultur verlagert sich von Frankreich nach Deutschland, Österreich und Polen.

Der Walzer als Formations- und erstmals Paartanz ist neuer Modetanz.

Zunächst am Hof noch nicht akzeptiert, erlebt er 1814 beim Wiener Kongress seinen Durchbruch.

Drei wesentliche Änderungen hat der Tanz allgemein in dieser Phase erfahren:

Zunächst ist der höfische Tanz nicht mehr nur der Aristokratie vorbehalten, sondern das aufstrebende Bürgertum mischt sich unter die Gesellschaft.

800 Jahre lang wurde immer eine offene Tanzhaltung angenommen, bei der den Tanzpartnern

keine enge Paarfassung erlaubt war. Dies wird erstmals mit dem Wiener Walzer durchbrochen.

Der Tanz dient nicht mehr ausschließlich der Repräsentanz und Selbstdarstellung, sondern wird erstmals als Unterhaltung und Lebensfreude wahrgenommen.

Weitere Tänze dieser Zeit sind Abwandlungen des Wiener Walzers, schottischer und englischer Walzer, Polonaise, Cotillon, Ecossaise, Quadrille, verspielte Kontratänze ( english country dances ), Mazurka, Polka und Galopp.


Literatur

  1. Schoch Agnes: Die alten Tänze, 800 Jahre Höfischer Tanz, Kastell Verlag, 1998
  2. Arbeau, Thoinot: Orchesographie, Lengres 1588. Übersetzung: Albert Czerwinski, Danzig 1878, Hildesheim, New York 1980
  3. Bahr Werner: Zur Entwicklungsgeschichte des höfischen Gesellschaftstanzes; Breslau 1941
  4. Caroso Fabritio: Nobilita de Dame, Venedig 1605
  5. Feldmann Fritz: Historische Tänze der musikalischen und choreographischen Weltliteratur. Von der Basse dance bis zum Menuett, Köln 1973
  6. Götsch Georg und Gardiner Rolf: Alte Kontratänze; Wolfenbüttel 1928 / 1953
  7. Lach Robert: Zur Geschichte des Gesellschaftstanzes im 18.Jhd.; Wien 1920
  8. Playford John: The English Dancing Master; London 1651 und 1957
  9. Negri Cesare: Nuove inventione di balli; Mailand 1604
  10. Taubert Karl-Heinz: Höfische Tänze. Ihre Geschichte und Choreographie; Mainz 1968

Internet

  1. http://www.earthlydelights.com.au/english2.htm
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/English_country_dance
  3. http://www.torontoenglishdance.ca/ecd_glossary.html