Rhauthal - Land

Barnach´s Flucht durch das Rhauthal

Rhauthal

Warum ich durch das Rhauthal ging? Ich war auf der Flucht. Und es war besser mich nicht sehen zu lassen, wenn mir mein Leben lieb ist.
Der Weg ins Rhauthal hinauf war beschwerlich, denn ich musste das nahe dem Neplagebirge gelegene Passdorf mit der Zollstation und der dort stationierten Landwehr umgehen. Außerdem waren dort die „Reisebegleiter“, die Waldläufer, die als Führer durch das Tal angeheuert werden können. Ich hielt mich westlich, näher am Neplagebirge und versuchte, dem immer breiter werdenden Moor auszuweichen. Den für Wagen schlecht geeigneten Weg durfte ich nicht nehmen, dort wäre ich Gefahr gelaufen der Landwehr oder einem Waldläufer aufzufallen, die immer ein wachsames Auge auf die Reisenden haben. Mit dem wenigen an Wurst und Brot, was ich auf meiner Flucht in einem Sack zusammengerafft hatte, kam ich halbwegs voran. Das Gebirge mit seinem Einschnitt wies mir den Weg und ich war guter Dinge den Häschern mit heiler Haut entkommen zu sein.
Nach einigen Tagen, meine Vorräte waren längst verzehrt, kam ich in sumpfiges Gelände. Das Moor hatte sich bis an das Gebirge ausgedehnt und ich fand keinen Weg mehr, der außen herum führte. Zu jedem Meter vorwärts kamen endlose Umwege. Matsch, Moos, Birken und so ein Gestrüpp mit noch grünen unreifen Beeren wechselten sich ab. Nichts Essbares und kein klares Wasser weit und breit. Und dann kam das Unheil. Irgendwelches fliegendes Insektenzeug hatte mich schon geraume Zeit zirpend um flattert. Es wurden immer mehr und mehr. Ob der Lärm von der Käferwolke oder vom Himmel auf mich eindrang, konnte ich nicht feststellen. Ich rannte davon, soweit das Stolpern durch große Pfützen mich überhaupt vorwärts brachte. Der Lärm steigerte sich ins Unerträgliche bis mir schwarz vor Augen wurde. Ich konnte nicht mehr weiter, mein Schädel schien zu platzen, ich erwartete den Tod.
Brandgeruch holte mich ins Leben zurück, er stach beißend in meine Nase. Von angekohlten und krabbelnden Insekten umgeben, lag ich mit angesengten Haaren und schwelender Kleidung auf dem Boden.
Hatte mich ein Blitz getroffen? Gar Feuerzauber gerettet? Der Sumpfschrat, der sich mit einer Laterne über mich beugte, war bestimmt kein Magnus. Mit den Worten. „Trink dat, iss jut jegen de Brüllmücken“, reichte er mir eine Flasche entgegen. Plötzlich waren da noch mehr Flammen. Sollte ich jetzt durch das Feuer verzehrt werden, das sich seinen Weg durch meinen Rachen in den Magen brannte? Ich verlor das Bewusstsein.
Wie mich der Beerentöter, wie sich der Sumpfschrat nannte, zu seiner Hütte brachte weiß ich nicht mehr, aber das Zeug welches er mir eingeflößt hatte entfachte eine freundliche Sonne in Herz und Magen. Mein Retter war ein Sumpfbewohner, der sich gelegentlich als Führer verdingte aber hauptsächlich vom Sammeln und Vergären, der jetzt noch grünen Sumpfbeeren lebte. In einem merkwürdigen Gebilde aus gebranntem Ton trieb er, mit der Kraft des Feuers, den Sumpfgeist aus der Maische um ihn in versiegelte Krüge einzufangen.
Er gab mir auch eine Einweisung zum Überleben im Sumpf. „Wenn dich de Brüllmücken als Opfer ausjesucht haben, verstreibs mit Feuer. Wenne rennst, verreckst de im Sumpf. Wenne stehen bleibst wern se mehr un mehr, se schrein dich an. Dat Jetöse macht dich bekloppt und das Blut tropft dir aus se Ohren und Nase. In beiden Fällen biste Futter für je Brut.“
Eine stinkende Fackel tut es wohl auch, aber seine Methode war beeindruckender und auch lustiger. Einen Mundvoll Sumpfgeist durch die Flamme geblasen verwandelt jedes Krabbelzeug zu Asche.
Da der Beerentöter weder Lust, noch Vorräte hatte um mich durch zu füttern, musste ich weiter ziehen. Da er aber einige Tonkrüge mit Sumpfgeist an eine Taverne weiter nördlich liefern musste, zogen wir gemeinsam am nächsten Tag weiter in Richtung Torfdorf.
Torf. Nichts als Torf. Die Leute reden, essen, schlafen und denken Torf. Torfdorf lag auf unserem Weg und mit seinen torfbraunen Bewohnern mache es auf den ersten Blick einen wehrhaften Eindruck. Doch die Schutzwälle waren nur Haufen von langsam vor sich hin trocknendem torfigem Torf. Der Beerentöter war hier gut bekannt. Er tauschte hier etwas von seinem Sumpfgeist gegen einen Sack Mehl. Wir bekamen ein Lager für die Nacht und eine Schüssel Brei am Morgen, dann ging es weiter durch das Moor.
Endlich keine nassen Füße mehr. Das Moor lag nun hinter uns, vor uns erstreckte sich eine Heidelandschaft. Die Rinnsale, die aus dem Moor flossen, hatten sich zu einem Bach vereinigt, der nach und nach die Gegend trocken legte. Der daraus entstandene Fluss wurde, dem Beerentöter zufolge, Reschme genannt. Bis hierhin war das Rhauthal nur eine mörderische Moor- und Sumpflandschaft, die nur Gejagte wie ich, freiwillig ohne Führer durchqueren müssen. Händler und Reisende dagegen, taten besser daran, sich einer ortskundigen Person anzuvertrauen.
Wir durchquerten die Heide in einem guten Tagesmarsch und betraten das eigentliche Rhauthal. Nach Westen verschwand nach und nach das Neplagebirge und die steile Felszinne fiel weiter nach Osten zurück. Mir wurde bewusst, dass meine Flucht geglückt war und ich nun auf eine neue Zukunft hoffen konnte.
RhauthalWieder nasse Füße. Aber diesmal war es nur eine Furt. Einen halben Tagesmarsch später erreichten wir die Taverne der beiden Schwestern. Die Taverne heißt auch „Zu den zwei Schwestern“ aber, wenn es Schwestern waren, dann von unterschiedlichen Vätern. Brianne Ni Lachlan war groß, schlank und blond. Die Andere, Mary, kleiner, kräftiger gebaut und dunkel haarig. Beide zäh wie Leder und sehr resolut. So dass Durchreisende und auch örtliche Bewohner die Taverne als fehdefreien Raum achteten.
RhauthalDie Taverne war, ein Bruchsteingebäude, welches der untergegangenen Herrscherfamilie aus dem Rhauthal gehört haben musste, deren Burgruine „Waldwacht“ an klaren Tagen auf der Felszinne zu erkennen war. Küche und Kaminzimmer der Taverne befanden sich auf der unteren Ebene des Gebäudes. Darüber Räume für Gäste, die sich ein Bett leisten konnten und eine Tür hinter sich abschließen wollten. Unter dem Dach waren die privaten Räume der zwei Schwestern. Im Kellergewölbe war die Schenke eingerichtet.
Wald und Wiesen umgaben die Taverne. Der kleine Wasserfall an der Waldwacht speiste den Bach, der in der Nähe vorbei floss. Auf der Wiese direkt vor der Taverne waren ein paar Zelte aufgeschlagen.
Die beiden Schwestern stellten mich als Knecht ein. Ein Platz am Ofen und regelmäßige Mahlzeiten haben etwas für sich, beides musste ich mir allerdings hart erarbeiten. Mit mir arbeitete noch eine Magd in der Taverne. Wie sie mir erzählte, lebte und arbeitete sie eigentlich im Moor bei dem Beerentöter. Manchmal führte sie
Fremde durchs Moor oder arbeitete in der Taverne. Eine liebenswerte Frau, die mir immer etwas Essbares zugesteckt hat.
Die Taverne rüstete sich zur Zeit meiner Ankunft für das jährliche Treffen der Clans des Rhauthal. Wie ich erfuhr wurde jedes Dorf von einem gewählten Rat geführt. Jedes Dorf sandte einen gewählten Vertreter als Sprecher zum Thing. Das Thing war eine Versammlung bei dem Gericht gehalten, politische Angelegenheiten besprochen und auch Ehen geschlossen wurden. Das Thing wurde immer in der Ruine „Waldwacht“ abgehalten. Es wurde auch Streit zwischen den Clans geschlichtet und schwere Verbrechen verhandelt. Kleine Vergehen wurden vor Ort vom Dorfrat eigenständig verhandelt. Die vermeintlichen Straftäter kamen bis zur Verhandlung ins „Loch“. Das „Loch“ war zumindest hier an der Taverne wirklich ein Loch im Boden, wie ein Brunnenschacht nur ohne Wasser. Die Straftäter wurden hinein geworfen und mussten die Zeit bis zur Verhandlung abwarten. Je nachdem, ob der Täter beliebt war oder nicht, bekam er Essen oder halt andere Dinge ins Loch geworfen.
Beim Thing wurden auch die Vorgänge vom Zoll in Grenz- und Passdorf besprochen, deren Einnahmen zum Unterhalt der Landwehr dienten. Die Landwehr bestand aus Waldläufern und anderen Freiwilligen, die von ihren Dörfern für den Dienst freigestellt wurden. Die gemeinsame Arbeit führte auch dazu, dass ein Beziehungsnetz zwischen den Dörfern und Familienclans geflochten wurde.
Meine Flucht hatte mich als Flüchtling in das Tal geführt. Hier lebten viele alteingesessene Familien, einige waren selbst vor Generationen als Siedler auf der Suche nach freiem Land ins Tal gekommen. Es gab aber auch jene wie mich, die sich aus ganz persönlichen Gründen in dieser so abgelegenen und rauen Gegend niedergelassen hatten. ...
Tarik al Moudian, Goldschmied aus Itego, lernte ich als einen der wenigen Reisenden kennen. Mit seinem Turban, weiten Kaftan und exotischen Manieren zwischen den eher barschen Rhauthalern fiel er doch sehr ins Auge. Er reiste aus Vergnügen durch die Welt und schrieb seine Abenteuer alle in ein Buch. Wir unterhielten uns abends und er spendierte mir dabei das eine oder andere Bier.
RhauthalWas man den Erzählungen aus der Taverne glauben durfte, lass ich mal dahingestellt sein. Vieles hatte ich nicht gesehen und bei manchen war ich froh darüber. Wie zum Beispiel Schattenläufer, den Beschreibungen nach eine graue fast schwarze Raubkatze, größer als ein Panther. Sie würde oben im Neplagebirge leben, sehr scheu sein und sehr gefährlich, begeht man den Fehler sie zu stören. Auch wurde mir von Harpyien berichtet, riesen großen Greifvögel. Manche behaupten auch sie würden sich in mystische Wesen mit Frauenoberkörpern verwandeln. Diese Geschichte konnte ich einfach nicht glauben, genau wie die über Drachen, die vor langer Zeit im Neplagebirge gelebt haben sollen. Harpyien habe ich nicht gesehen, aber Tronde Ragnarson, der Pfeilmacher, fertigt aus deren Federn angeblich unfehlbare Pfeile.
Auch Elben und Zwerge habe ich nicht gesehen, obwohl ein paar im Rhauthal leben sollen. Die Zwerge werden sich in den erzarmen Bergen nicht so recht wohl fühlen.
RhauthalIm Osten lebt im Iscanderturm der Magus Kinnurel Oblodra. Nachdem er aus dem Unterreich vor seinem eigenen Volk geflüchtet ist, lebt er dort von Magie und Zauberkunst. Und hält er wohl die Orks aus Rhauthal fern, soll aber einige unter seinem Bann als Dienstpersonal haben. Wie man hört ist er aber nicht immer sehr erfolgreich mit seinem Schutz des Tales vor den Orks, denn es gibt genügend Geschichten von Kämpfen gegen die Orks. Vor allem die Waldläufer sind an der Ostgrenze von Rhauthal immer auf der Jagd nach Orks, die sich ins Land vorwagen.
Ein großer Anziehungspunkt für Kranke ist die kleine Apfelinsel. Eine Tagesreise flussabwärts von der Taverne zu den zwei Schwestern liegt der hohe, längliche Felsen in der Reschme. Später habe ich die Heilerin Argante ni Anglesey kennengelernt. Eine imposante Erscheinung, deren Willen fast ausreicht jedes Siechtum auszutreiben.
Als ich nicht mehr länger in der Taverne bleiben wollte, heuerte ich bei der Salzhändlerin Helda von Hellanden an. Eine Frau mit einem ruhigen Wesen und listigem Blick. Das sie unter dem Schutz der Amazone Odela steht, wollte noch nie einer ihrer Kunden sie hinterfragen. Das Geschäft des Salzhandels hatte sie von ihrem Oheim übernommen. Mit ihnen bereiste ich das Rhauthal auf ihrem Handelsweg Richtung Norden. Das von Händler aus dem Süden stammende Salz tauschte sie auf ihrer Route gegen Kräuter, Textilien, Schmuck und sonstigem leicht zu transportierendem Handwerk.
Unser erster Anlaufpunkt war das Nordmannendorf in dem ich Tronde Ragnarsons kennen lernte. Der Hüne war vor Jahren aus den Nordlanden vor seinem König geflohen und hatte mit seinem Schwager Graubart und einigen Gefolgsleuten hier eine neue Heimat gefunden. Das gut befestigte Dorf zu Füßen des Wasserfalls am Angrabach liegt am Anfang des Eichenheins der sich vom Neplagebirge überragt bis zum Neplasee hinzieht.
Viele der meist verborgen gelegenen Dörfer und Einzelgehöfte, fand Helda mit traumwandlerischer Sicherheit. Selbst wo wir keinen Handel trieben waren wir gern gesehen, brachten wir doch Kunde aus dem Tal mit.
Nach einigen Wochen der Wanderung überquerten wir die Reschme am Fährdorf zurück auf die Ostseite. Wobei Fährdorf für einen leutseligen zahnlosen Alten mit einem lecken Boot und drei Hütten selbst für meine bescheidenen Verhältnisse hochtrabend klingt. Die Reschme war aber hier bereits zu ordentliche Breite angewachsen. Die Handelsstraße, der ausgetretene Pfad, auf dem Packpferde gut vorankommen und der mit schmalen Wagen noch zu bewältigen ist, führte uns nach Norden zum Ende des Rhauthals. Hier scheint ein ganzer Fluss im Boden zu verschwinden. Die Reschme fließt in Rissen und Spaltenund ist nicht mehr zu sehen. Ohne einen kundigen Führer aus der bunten Truppe der Grenzwachen kann ein unvorsichtiger Reisender samt Pferd und Karre in einem der zahlreichen Löcher enden.
Hier verabschiedete ich mich von Helda die nun die andere Seite des Rhauthals mit einigen Pferdeleuten die wir hier trafen die Rundreise zurück zur Taverne der zwei Schwestern vollenden wollte. Mit dem Anführer der Pferdehändler, die einige der im Tal gezüchteten rhauthaler Pferde gegen Schmiedeeisen getauscht hatte, wurde ich schnell einig. Er brauchte noch einen Knecht und ich verließ mit ihnen das Rhauthal.

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